Kirche der Freiheit – eine Kirche auf Augenhöhe!
Kommentierende Thesen zum Impulspapier aus der Sicht der Männerarbeit der EKD
Das Impulspapier des Rates der EKD hat seine Visionen für die Zukunft unserer Kirche in sogenannten Leuchtfeuern beschrieben. Das Bild der Leuchtfeuer stammt aus der Seefahrt – sie sind Orientierungspunkte für die Schiffe auf dem Meer, welche mit ihrer Hilfe den Weg durch schwere See finden. Leuchtfeuer sind keine Zielmarken, sie sind Lichter, die der Mannschaft und dem Boot ihre Navigation erleichtern. Der Rat als oberstes Leitungsgremium der EKD hat diese geistlichen und organisatorischen Leuchtzeichen auf einem Weg der Neuorientierung gesetzt, den Gemeinden, Landeskirchen, die EKD und ihre Werke und Einrichtungen in den nächsten Jahren gemeinsam zu gehen haben. Dafür gebührt ihm Dank und Anerkennung. Die Arbeitsgemeinschaft der Männerarbeit der EKD hat sich im Kontext des die Werke und Verbände betreffenden Strukturprozesses in der EKD mit dem Impulspapier auseinandergesetzt. Sie möchte mit einigen Thesen die Impulse des Papiers aus ihrer Perspektive aufgreifen und weiter entwickeln:
Das Papier setzt auf die Stärkung von Kernkompetenzen, Qualitätsmanagement und Konzentration. Die dazu notwendige innerkirchliche Perspektive darf sich dabei allerdings nicht in binnenkirchlichen Konzepten verlieren, sondern sollte sich offensiv auch den Entwicklungen unserer Gesellschaft stellen. Stichworte wie Entsolidarisierung, demografischer Wandel, Nachhaltigkeit, Migration sowie Veränderung und Gefährdung der Erwerbsbiografien prägen die gesellschaftliche Diskussion. Vor allem letzteres impliziert besondere Herausforderungen an die Veränderung der Männerbilder und der Geschlechterrollen. Kirche muss sich in Zeiten des Umbruchs ihres Wächteramtes bewusst sein. Die Bemühungen um eine effektive und überlebensfähige Struktur dürfen die Kernfrage der Zukunftsgestaltung nicht verdrängen: Wie werden wir als Kirche angesichts der beschriebenen Entwicklungen so attraktiv, dass wir Menschen zum Mittun motivieren können und zugleich Kirche für andere bleiben? Das Impulspapier fordert evangelische Bildungsarbeit als Zeugnisdienst in der Welt. Eine solche Bildungsarbeit muss aber über die theologische und innerkirchliche Wissensvermittlung hinausgehen. Sie sollte Menschen vor allem zur Partizipation an immer komplexer werdenden Kommunikationsstrukturen der modernen Gesellschaft befähigen. Gewiss sind protestantische Eliten ein Segen für Kirche und Gesellschaft. Doch die Perspektive evangelischer Bildung sollte gerade auch auf die gerichtet sein, denen keine Partizipation an der institutionalisierten Bildung gewährt wird. In besonderer Weise ist der Fokus hier auf junge Männer mit Migrationshintergrund oder prekären Sozialisationsbedingungen zu legen. Bildungsangebote für nicht privilegierte Schichten wird der Kirche auch den Dialog mit denen wieder eröffnen, die dem bürgerlichen Milieu der Gemeinde nicht nahe stehen. Auch für die kirchliche Bildungsarbeit gilt die im gemeinsamen Wort der Kirchen geforderte Option für die Armen. Als eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben der evangelischen Kirche bezeichnet das Papier die Qualifizierung von Ehrenamtlichen. Ehrenamtlich in der Kirche arbeitende Menschen sind in der Tat ein wertvoller Schatz. Ihre persönlichen Kompetenzen, die im Beruf, in der Familie und durch Lebenserfahrung erworben wurden, sind jedoch ein Potential, das sich auch Kirche ihrerseits zu Nutze machen sollte. Eine lernende Kirche der Zukunft profitiert von den Potentialen ihrer Ehrenamtlichen. Die persönlichen Fähigkeiten der ehren- oder nebenamtlich Tätigen müssen in einem gleichberechtigten Verhältnis zur theologischen Kompetenz der Pfarrer stehen. Dies gilt auch für die vielfachen Professionen, die nicht-theologische Hauptamtliche in die Kirche einbringen. Nur so wird Kirche als eine „Kirche auf Augenhöhe“ wahrgenommen. Die Anerkennung der persönlichen Kompetenz ist vor allem für Männer ein wichtiges Kriterium ihrer Bereitschaft, sich für die Kirche und ihre Projekte zu engagieren. Themenmanagement und Agendasetting will das Impulspapier bewusst stärken. Doch Partizipation an der gesellschaftlichen Diskussion darf sich nicht im Setzen der Themen erschöpfen. Themenmanagement bleibt inhaltslos, wenn es keine Taten folgen lässt. Kirche und ihre Christen handeln in der Welt. Es kann ihnen dabei nicht allein darum gehen, Themen zu formulieren, sondern es gilt, die Sorgen und Hoffnungen der Menschen wahr- und aufzunehmen, ihnen in Diskussionen Raum zu geben und Handlungskonsequenzen zu erschließen. Für solches politische und diakonische Engagement der Christen in der Welt stehen vor allem die Werke und Verbände in der Kirche. Ihre Ausrichtung auf unterschiedliche Zielgruppen und deren Interessen und Kompetenzen kann Kirche durch konkreten Bezug auf die Lebenswelten stärken. Doch das Papier scheint die differenzierte Ausrichtung kirchlicher Angebote auf die Lebensumstände von Männern, Frauen, Familien oder Alten und Jungen nicht mehr im Blick zu haben. Das Impulspapier des Rates beschreibt so genannte Kompetenzzentren, die offensichtlich die eigenständigen Strukturen von Werken und Verbänden ersetzen sollen. Viele Menschen – vor allem auch Männer – suchen jedoch den vertrauten Raum, in dem sie eigenständig Glauben erproben und entfalten können. Gerade hier werden Ehrenamtliche in ihrer spirituellen Kompetenz wahr- und ernst genommen und zur Partizipation an der Gestaltung kirchlichen Lebens in besonderer Weise ermutigt. Die fachliche Kompetenz der jeweiligen Zentren wird die inhaltliche und organisatorische Kompetenz sowie das institutionelle Wissen der Menschen in den vielfältigen Arbeitsfeldern der Werke und Verbände nicht ersetzen können. Wie die Wissenschafts- und Hochschulpolitik vieler Länder gezeigt hat, birgt die Konzentration des Wissens und der Dienstleitungen auf regionale Schwerpunkte zudem die Gefahr einer bildungskulturellen Verarmung der Fläche zu Lasten der Gemeinden, Kreise und Landeskirchen. Das Impulspapier geht von einer aus der Freiheit des Glaubens erwachsenden Bindung an die Kirche aus. Dieser Verbindlichkeit entziehen sich immer mehr Menschen. Vor allem Männer trauen der Kirche nicht mehr die erneuernde Kraft der Veränderung zu und erwarten von ihr auch keine spirituellen Impulse für die Gestaltung ihrer Lebenswelten. Das Impulspapier scheint diese Distanz der Männer zur Kirche nicht wahrzunehmen. Der Status Quo einer weitgehend männergeleiteten Frauenkirche sollte jedoch nicht festgeschrieben werden. Männer sind an einer Bürokratisierung der Institution nicht interessiert. Sie suchen nach Dialogmöglichkeiten, um ihre Glaubenserfahrungen auszutauschen und in ihrer spezifischen spirituellen Kompetenz ernst genommen zu werden. Sie sehen sich als Subjekte des religiösen Handelns und nicht als Objekte kirchlicher Betreuung. Männer werden nur an einer Kirche der Zukunft aktiv mitwirken, in der sie die Freiheit des Glaubens wahrhaftig erfahren.
Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland hat mit seinem Impulspapier den Startschuss für den Reformprozess in der evangelischen Kirche gegeben. Es soll ein offener Prozess sein, so das Impulspapier, der alle Engagierten zur Teilnahme ermutige. Ein offener Prozess kann sich allerdings nur in offenen Formen vollziehen, die über eine selektive Anfangskonsultation weit hinausgehen. Wer Innovationen will, muss experimentierfreudig sein. Zukunftswerkstätten und runde Tische in allen Bereichen unserer Kirchen würden einem solchen Prozess entsprechen. Die Richtung des Weges, der gemeinsam gegangen werden soll, muss von den Aufgaben einer Kirche der Zukunft und nicht von der Selbsterhaltung der Institution und ihrer ökonomischen Basis her bestimmt sein. In jenem Prozess wird die Kirche auf loyale ehrenamtliche, nebenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter angewiesen sein. Das Maß der Solidarität ihrer Mitstreiter wird davon abhängen, wie sie zur Beteiligung an und zur Gestaltung von notwendigen Reformen motiviert werden. Das Prinzip des qualitativen Controllings, die das Papier sehr stark prägt, sollte umgehend in eine Kultur der Anerkennung und Wertschätzung der Gaben und Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter eingebunden werden. Denn nur mündige und selbstbewusste Christen werden in einer Kirche der Freiheit wahre „Botschafter an Christi statt“ sein können.
Der Vorstand der Arbeitsgemeinschaft der Männerarbeit der EKD
Kassel im Januar 2007
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