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Männerarbeit 2006

Der Auftrag evangelischer Männerarbeit für die Zukunft von Kirche und Gesellschaft

Eine Standortbeschreibung



Tradition und Aufbruch

Vor 60 Jahren wurde im hessischen Echzell mit der Erarbeitung einer ersten Konzeption für kirchliche Männerarbeit – den Echzeller Richtlinien – die Männerarbeit der gerade gegründeten Evangelischen Kirche in Deutschland aus der Taufe gehoben. Die Situation vieler Männer in Deutschland war in jenen Tagen von Desorientierung, tiefer Verunsicherung ihres Selbstwertgefühles und Verzweiflung geprägt.
 
Die Richtlinien, die man in Echzell erarbeitete, hatten dies im Blick. Ein Jahr nach dem Zusammenbruch des "Dritten Reiches" und dem Ende des von Deutschland geführten europäischen Vernichtungskrieges wurde bewusst auf die ethische und emotionale Orientierungslosigkeit von Männern nach der "Katastrophe" Bezug genommen und die seelsorgerliche Begleitung von Männern in ihren konkreten Lebenswirklichkeiten als kirchliches Aufgabenfeld beschrieben, zugespitzt in der – von der Barmer Theologischen Erklärung beeinflussten – Formel: „Sammlung der Männer unter dem Wort, Ausrüstung der Männer mit dem Wort  und Sendung der Männer durch das Wort.“


Männer im Lebenshorizont der Gerechtigkeit

Die Echzeller Richtlinien haben viele Männer in der Kirche bis heute nachhaltig in ihrem Lebens- und Frömmigkeitsstil geprägt. Die Männerarbeit hat auf unterschiedlichen Wegen in Ost- und Westdeutschland neue gesellschaftliche Herausforderungen angenommen und ihre inhaltlichen Grundlagen weiterentwickelt. Nicht von ungefähr lautete der Titel der 1995 neu erarbeiteten Konzeption „Männerbewegungen …“; im Mittelpunkt ihrer Überlegungen stehen die vielfachen Erosionen klassischer Männerrollen. Alte Leitbilder tragen nicht mehr, überzeugende neue Orientierungen, die zu alternativen Lebensentwürfen ermutigen könnten, fehlen. So hieß es in der Konzeption von 1995: „Männer sind herausgefordert, über sich selbst nachzudenken und sich der Aufgabe einer lebenswerten Zukunftsgestaltung zu öffnen. Die Frage nach der Zukunft ist auch eine Frage nach der Vision, die Männer von sich selbst und ihrer Rolle in dieser Welt haben. Aufgabe der evangelischen Männerarbeit ist es, positive Leitbilder für männliches Leben zu entwickeln. Dabei geht es um Veränderungen der emotionalen, sozialen wie religiösen Dimensionen heutigen Mannseins.“
Absicht der Verfasser war es damals, über die gesellschaftliche Diskussion um die Männerrollen hinaus, angesichts eines Bedeutungsverlustes von Kirche und Glauben im öffentlichen Leben und veränderter Lebensbedingungen, die christliche Sicht des Menschen neu auf die Lebenswelt von Männern zu beziehen. Ausgehend von einem biblischen Gerechtigkeitsbegriff in prophetischer Tradition, geht es um die Eröffnung eines neuen Lebenshorizontes, in dem sich „Menschen in Liebe begegnen, eintreten für Unterdrückte, unschuldig Angeklagte, Arme und Entrechtete“. Der christliche Glaube befähigt Männer dazu, sich von Gottes Gerechtigkeit gerade dort befreien zu lassen, wo ihre Lebenswelten den gerechten Beziehungen widersprechen. Er lädt sie ein, sich von Gott in den Dienst nehmen zu lassen und Mitarbeiter am Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, die die Barmherzigkeit mit einschließt,  zu werden.

Heute, mehr als zehn Jahre später, steht die Männerarbeit wieder vor neuen Herausforderungen und der Ruf nach Gerechtigkeit ist virulenter denn je:
Das Zusammenleben von Frauen und Männern ist geprägt von einem entschiedenen Anspruch beider Geschlechter auf gleichberechtigte Teilhabe an allen Lebensbereichen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die gerechte Teilhabe an existenzsichernder und sinnstiftender Arbeit, werden ebenso zur Kernfrage einer zukunftsfähigen Gesellschaft wie die Gerechtigkeit zwischen den Generationen und weltweiter Partnerschaft und Solidarität.


Männerarbeit im Zeichen von Gender Mainstreaming

Es ist festzustellen, dass das in der Verfassung verankerte Grundrecht auf Gleichberechtigung der Geschlechter bis heute nicht in vollem Umfange verwirklicht ist. Ökonomische und soziale Rahmenbedingungen sowie traditionelle Rollenbilder verwehren Männern und Frauen gleichwertige Chancen und Wahlmöglichkeiten in allen gesellschaftlichen Bereichen. Institutionslogiken, Sachzwänge und Gewinnstreben entwickeln Eigendynamiken, die offen oder verdeckt traditionelle Geschlechterverhältnisse erhalten und innovative Rollenmuster verhindern.
Bisher hat Familien- und Geschlechterpolitik die Interessen von Männern, die neue Rollen leben wollen, nicht oder nur unzureichend im Blick. Sie wird in der Bundesrepublik Deutschland weitgehend an Männern vorbei gemacht. Männer sind Objekte von Appellen und Kampagnen, als Subjekte innovativen familien- und geschlechterpolitischen Handelns sind sie kaum gefragt.

Die Männerarbeit der EKD betrachtet es daher als ihre Aufgabe, die männerpolitische Perspektive in den Gender Mainstream einzutragen. In diesem Zusammenhang setzt sie sich für eine gezielte und an der Lebenswirklichkeit von Männern orientierte Männerförderung ein, die neben die Frauenförderung tritt. Dazu gehört die Entwicklung eines tragfähigen Männerbildes und der Abbau eines herrschaftsfixierten Leitbildes von Männlichkeit ebenso wie die grundlegende Veränderung klassischer Leistungs- und Karrieremuster sowie ausschließlich am Vollerwerb orientierter Arbeitsstrukturen bei Männern und Frauen. Die Sensibilisierung von Männern für die Notwendigkeit, das Geschlechterverhältnis aktiv neu zu gestalten, ist Bestandteil eines politischen Diskussionsprozesses, den die Männerarbeit der EKD auf der gesellschaftspolitischen Ebene in den letzten Jahren angestoßen hat. Es wird entscheidend darauf ankommen, diese Perspektive der Männer in die familienpolitische Diskussion einzubringen und die Rolle der Väter in der öffentlichen Wahrnehmung, vor allem aber in ihrer Bedeutung für die Gestaltung moderner Familienkonstellationen zu stärken.

Innerhalb der Kirche trägt die evangelische Männerarbeit entsprechend dazu bei, die Fragen nach der Geschlechtergerechtigkeit aus der Perspektive der Männer zu stellen. Hierzu gehören Fragen, welche finanziellen Mittel für welche Angebote aufgewendet werden, ebenso wie Fragen nach dem Engagement von Männern im primaren Erziehungsbereich, nach geschlechtergerechter Personalentwicklung in den Kirchengemeinden und sonstigen kirchlichen Einrichtungen oder nach Formen der Sprache und des Ritus, die Männern in der Kirche gerecht werden. Eine am Prinzip des Gender Mainstreaming orientierte evangelische Männerarbeit setzt sich allerdings auch mit den eigenen Wurzeln, insbesondere den biblisch begründeten und in der Kirchengeschichte tradierten Rollenbildern, auseinander. Denn es gilt, die Geschlechtergerechtigkeit als Ausdruck der biblischen Vorstellung von Gerechtigkeit im Dienst an der Gesamtkirche zu vermitteln.

Seit der EKD-Synode 1989 in Bad Krotzingen befindet sich die Männerarbeit in einem aktiven Dialog mit der evangelischen Frauenarbeit. Den Überlegungen der EKD, die Aktivitäten von Frauen- und Männerarbeit in einem gemeinsamen Zentrum zu konzentrieren, steht die Männerarbeit aufgeschlossen gegenüber. Sie setzt voraus, dass neben gemeinsamen Themenfeldern die eigenständigen Strukturen und das jeweils besondere Profil von Männer- und Frauenarbeit erhalten bleiben.


Evangelische Männerarbeit als missionarische Aufgabe

Beide großen Kirchen beobachten mit Sorge eine beunruhigende Entwicklung, die historisch nicht neu ist. Die Aufmerksamkeit, die in der jüngeren Vergangenheit der Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche gewidmet wurde, hat offensichtlich den Blick auf das stille Auswandern der Männer aus den Kirchen verstellt. So führt die empirische Studie „Was Männern Sinn gibt“ von 2005 zu der Erkenntnis einer sich pluralisierenden Welt, „in der sich weltanschaulich kompetent fühlende Männer den Ansprüchen einer Institution entziehen, der sie nur noch in Gestalt einzelner charismatischer Vertreter vertrauen und … für die sich kein persönliches Engagement … erforderlich macht.“

Daher sieht sich die evangelische Männerarbeit in ihrem missionarischen Auftrag dem Prinzip des Dialogs verpflichtet. Es ist die wesentliche Grundhaltung dieses Dialogs, dass er in einer gemeinsamen Suche nach den Antworten auf die Fragen nach der Wahrheit geschieht. Dabei geht es darum, die Lebenswelten und Alltagserfahrungen der Männer mit der befreienden biblischen Botschaft in Bezug zu setzen. Die veränderte gesellschaftliche Realität, in der Glaube nicht mehr selbstverständlich von Generation zu Generation weitergegeben wird und in der der „… Übergang von einem kulturgestützten zu einem personengestützten Christentum…“ (Michael Herbst) vollzogen wird, ist für die evangelische Männerarbeit Herausforderung und Chance zugleich.

Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang ein neues Interesse an Religion in unserer Gesellschaft. Auch bei Männern ist der Wunsch nach spirituellen Angeboten zu beobachten. Dass viele von ihnen diesen Wunsch nicht durch Angebote der Kirche realisieren wollen, muss uns als evangelische Männerarbeit und unsere Kirche insgesamt beunruhigen. Es wird deshalb ein wachsender Schwerpunkt der Männerarbeit sein, die Frage nach einer männlichen Spiritualität in Theologie und Kirche voranzubringen und dazu beizutragen, dass die religiöse Beheimatung der Männer in der Kirche gelingen kann.

Die evangelische Männerarbeit versteht sich von Beginn an als Laienbewegung in der Tradition des Lutherischen Verständnisses vom Priestertum aller Gläubigen. Ehrenamtliche, Theologen und kirchliche Mitarbeiter anderer Profession tragen die Männerarbeit gemeinsam. Sie teilen sich die Service-, Koordinierungs- und Leitungsaufgaben. Dieses gilt auch für die notwendige theologische Reflexion und das seelsorgerliche und missionarische Profil der Männerarbeit.

Unsere Kirche sieht sich heute der Notwenigkeit einer grundsätzlichen strukturellen und theologischen Neuorientierung ausgesetzt. Dazu leistet die Männerarbeit ihren Beitrag.


Kassel, 04.05.2006
Die Mitgliederversammlung